Lesung und Seminar mit Merle Hilbk
Ein Projekt von Judith Stumptner, Kulturmanagerin am Bukowina Zentrum, Czernowitz, Ukraine
Lesung
27.01.2009
Lesung mit der Berliner Autorin Merle Hilbk
Georg Drozdowski Saal, Deutsches Haus
Seminar
28.01.2009
„Das arglose Wort ist töricht“ Deutschland – ein Streifzug durch Geschichte, Literatur, Musik und Journalismus
Georg Drozdowski Saal, Deutsches Haus
Im Januar besuchte Merle Hilbk, eine deutsche Journalistin und Buchautorin, die Ukraine, um auf einer Lesereise in Kiew, Lemberg und Czernowitz ihr Buch „Die Chaussee der Enthusiasten“ vorzustellen. In Czernowitz fand neben einer Lesung am 27. Januar am Folgetag auch ein Seminar zur Musik, Geschichte, Literatur und dem Journalismus in Deutschland statt.
Merle Hilbk, Jahrgang 1969, ist nach einem Jurastudium und ihrer Redaktionstätigkeit bei „Spiegel“ und „Zeit“ heute als freie Journalistin in Russland und Osteuropa tätig. Gleichzeitig arbeitet sie als Journalismusdozentin an der „Hamburg Media School“ und legt regelmäßig in Bars und Clubs „Russenpop“ auf.
Mit ihrem Debüt „Sibirski Punk. Eine Reise in das Herz des wilden Ostens“ gelang Merle Hilbk ein spannender Bericht über eine fantastische Reise, die in Hamburg beginnt und über Novosibirsk bis an den Baikalsee führt. Für ihr zweites Werk, „Die Chaussee der Enthusiasten“, machte sich Merle Hilbk auf, das Leben der 3,5 Millionen Menschen zu erkunden, die in den 90er Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben zu finden. Inzwischen hat sich in Deutschland eine vielfältige und lebendige Szene aus russischen Kindergärten und Schulen, Sport- und Kulturvereinen, Anwaltskanzleien, Banken, Supermärkten, Bars und Diskos gebildet, in der es eigene Sitten und Regeln und sogar ein eigenes Idiom gibt, das „Russki Deutsch“. Nur mit Neugier und einer Straßenkarte bewaffnet, hat sich Merle Hilbk in diesem Buch auf den Weg gemacht, um den wilden Osten mitten in Deutschland zu finden.
Nach einer Begrüßung von Judith Stumptner (Robert Bosch Kulturmanagerin) leitete Moderatorin Oxana Matijchuk zunächst in Leben und Werk der Schriftstellerin ein und stellte einen Bezug zu Czernowitz als Stadt mit großer Einwanderer-Vergangenheit her. Merle Hilbk fügte den einführenden Worten hinzu, wie sie auf das Thema gestoßen war und welche Motivation sie getrieben hatte, bevor sie das erste Kapitel des Buches las. Dem deutschen Text folgte der Vortrag der ukrainischen Version, gelesen von Andrij Wynochranik. Fragen von Seiten der Moderatorin und des Publikums zu Arbeit, Interesse und Zielen der Autorin schlossen den ersten Teil der Veranstaltung. Der Vortrag einer zweiten Textstelle auf deutsch und ukrainisch löste eine erhitzte Diskussion im Publikum über den Begriff „Russlanddeutsche“, die ukrainische Identität sowie Integrationsprobleme von Einwanderern aus. Nach ca. einstündigem Gespräch leitete Judith Stumptner zu einem gemütlicheren Teil des Abends über, an dem Hilbk russische bzw. russlanddeutsche Musik auflegte und im Einzelgespräch weitere Fragen beantwortete. Nach insgesamt 3,5 Stunden konnte eine Lesung beendet werden, die mit knapp 70 Zuschauern (darunter 7 Medienvertreter) nicht nur ausgesprochen gut besucht war, sondern auch lebhaft das Interesse am Thema demonstriert hat.
Am Tag nach der Lesung fand zudem ein Seminar statt, in dem Merle Hilbk 14 Studenten zunächst von ihrem Deutschlandbild erzählte. Anhand von Meilensteinen deutscher Musikgeschichte in den Jahren zwischen 1970 und 2009 verdeutlichte sie in einem zweiten Teil Strömungen deutscher Jugendkultur und gesellschaftlicher Mentalität. Den letzten Teil des ca. 6-stündigen Seminars bildete eine Einheit zum Handwerk des Journalismus. Begonnen bei Hilbks eigenen Erfahrungen und Vorgehensweisen beim Schreiben, fortgeführt durch die Definition journalistischer Genres, bis hin zu Tipps und Tricks beim Verfassen von Texten.
Beide Veranstaltungen wurden realisiert in Zusammenarbeit mit Anna Brixa (Sprachassistentin des Goethe-Instituts in Lemberg) und der Abteilung Minderheiten des Goethe-Instituts Kiew.