Sitemap Kontakt Impressum

Celan.Leimung

Celan.Leimung

Ein Projekt von Kulturmanagerin Judith Stumptner, Bukowina Zentrum Czernowitz, Ukraine

Literarisch-musikalische Performance zur Lyrik von Paul Celan
von und mit Oskar Ansull und Michael Griener (Schlagzeug)
Haus der Ästhetik, am 17. September 2008

Seit etwa 25 Jahren entwickelt der in Berlin lebende Autor und Rezitator Oskar Ansull im Bereich literarischer Lesungen so etwas wie eine „Erfindung des Lesens“. Er übersetzte und publizierte zu Autoren, die als vergessen galten, so etwa zu Karl Emil Franzos und Ferdinand Hardekopf. Michael Griener ist Schlagzeuger, Komponist und Improvisator. Er hat mit zahlreichen Größen des Jazz gespielt und war Gastdozent an der Musikhochschule Hannover. Gemeinsam haben sie das in Czernowitz gezeigte Programm erarbeitet.
Die Idee zu diesem Programm entstand laut Ansull im Baumarkt, als er dort eines Tages zufällig auf Tapetenkleister namens *Celan* stieß. Ein künstlicher Name für ein chemisches Produkt, das mit dem Lyriker Celan nichts gemein hat. Dennoch, die Verbindung war geknüpft, und aus der „Todesfuge“, dem bekanntesten Werk des Dichters, und dem deutschen Wort „verfugen“ war eine neue Idee geboren. „Ein Versuch, Paul Celan ohne Heiligenschein öffentlich zu lesen, dazu Musik zu machen, ohne Geige, Flöte und Klavier zu bemühen. Eine handwerkliche Annäherung an eine Dichtung, die als schwierig und unzugänglich gilt. Eine scheinbar anti-poetische Wieder-Entdeckung des 1920 in Czernowitz/Bukowina geborenen und 1970 in Paris/Seine verstorbenen Dichters, so beschreibt Oskar Ansull sein Programm.
Nach diesem Konzept entstand im Laufe des Abends eine Wand, plakatiert mit großformatigen Ausschnitten der Todesfuge, neu zusammengestellt und mit (*Celan*-)Leim verfugt. Unterstützt von dem Czernowitzer Literaturwissenschaftler Dr. Petro Rychlo, wurde die Performance durch den Vortrag verschiedener Gedichte in deutscher, ukrainischer und russischer Sprache ergänzt. Griener lieferte mit seinem Schlagzeug die instrumentale Begleitung der Veranstaltung und fügte der „Celan.Leimung“ neben der literarischen und performativen auch die noch fehlende musikalische Komponente zu.
Das Publikum, rund 100 Leute, verfolgte die Veranstaltung mit gespannter, zwischendurch erstaunter Aufmerksamkeit. Die experimentelle Herangehensweise an ein literarisches Thema und der unkonventionelle Umgang mit dem „Hausdichter“ Celan, sorgten für Diskussionen, sogar unter den Beteiligten. Trotz der Tatsache, dass gut die Hälfte der vorgetragenen Texte und auch die Beschriftung der Wand auf Deutsch waren, war das Publikum größtenteils der Meinung, dass man sich gut auf die Atmosphäre der Veranstaltung einlassen und trotz der Sprachbarriere viel mitnehmen konnte. Insgesamt also eine spannende, unkonventionelle, aber durchweg gut angenommene Veranstaltung.

Die musikalisch-literarische Performance zur Lyrik Paul Celans fand mit Unterstützung der Deutschen Botschaft Kiew und der Robert Bosch Stiftung im Rahmen der Deutschen Kulturwochen 2008 in der Ukraine statt.