Theater-Mosaik
Theater-Mosaik
Ein Projekt von Bernd Böttcher, Kulturmanager-Alumnus am Bukowina Zentrum und Elisabeth Baldauf, Lektorin der Österreich-Kooperation, Czernowitz, Ukraine
Eine Theateraufführung der besonderen Art konnten die Czernowitzer am Abend des 7. April erleben: Auf der Bühne standen diesmal nicht professionelle Schauspieler, sondern Germanistikstudenten dreier westukrainischer Hochschulen, die Stücke deutschsprachiger Autoren aufführten – auf deutsch oder ukrainisch. Unter dem Motto „Theater-Mosaik“ kamen die Stücke dreier Autoren zur Aufführung:
Der bekannte deutsche Komiker und Autor Loriot lieferte die Vorlagen für eine Reihe mit Dramen des Alltags, die von den insgesamt fünf Studierenden der Nationalen Universität Ushgorod aufgeführt wurden. Unter der Leitung des Bosch-Lektors Boris Prinschitz zeigten sie in bekannten Stücken wie „Das Frühstücksei“, Essen im Flugzeug“ oder „Interview mit einem Monster“, wie sich der Mensch den Tücken des Alltags nach Kräften zu stellen versucht und in den meisten Fällen tragisch unterliegt.
Anschließend führten die acht Studentinnen und Studenten der Jurij-Fedkowytsch-Universität Czernowitz gemeinsam mit sieben Studierenden der Iwan-Franko-Universität Lwiw ein Stück des österreichischen Dramatikers Arthur Schnitzler auf: In dessen Burleske »Zum großen Wurstel« von 1906 wird die Welt zur Bühne und der Theaterdirektor steht ratlos daneben. Die diesjährige deutschsprachige Aufführung war dabei eine Fortsetzung eines gemeinsamen Projektes des vergangenen Jahres, bei dem die Germanistiklehrstühle beider Universitäten eine deutschsprachige Vorstellung in Lwiw gegeben hatten, die vom österreichischen Regisseur Gerhard Stiftinger inszeniert wurde. Nun konnten die Czernowitzer Schauspieler vor heimischem Publikum und Kommilitonen ihrer Universität auftreten. Koordination und Leitung in dieser Projektgruppe lagen in den Händen von Elisabeth Baldauf (Österreich-Lektorin an der Universität Czernowitz) und Hildegard Kainzbauer (Österreich-Lektorin an der Universität Lwiw).
Als dritten Programmpunkt erlebten die 115 anwesenden Zuschauer im traditionsreichen „Haus der Ästhetik und der Zerstreuung“ eine ukrainischsprachige Aufführung von Peter Handkes Stück „Publikumsbeschimpfung“, das von Krystyna Nazarkevich (Lwiw) übertragen worden war. Handkes erstes Sprechstück kritisiert vorherrschende Theaterformen und ihre Themen und kehrt sie um, etwa, indem es das Publikum in den Mittelpunkt rückt und zum Objekt des Sprechens macht. Obwohl es in Deutschland und Österreich bereits in den 60er Jahren aktuell gewesen und dort inzwischen nicht mehr so revolutionär wie zu Anfang ist, zeigte es in Czernowitz eine Wirkung, wie sie mit denen zu Zeiten seiner Entstehung im deutschsprachigen Raum verglichen werden kann, ist die heutige Czernowitzer Theaterlandschaft doch relativ konservativ und traditionell orientiert. So zeigten sich altgediente Theaterfachleute der Stadt beeindruckt bis irritiert und das Stück bot Anlass zu reichlich Diskussion nach der Aufführung.
Das anderthalbstündige Stück wurde von zehn Studierenden der Iwan-Franko-Universität Lwiw aufgeführt und durch Andrij Dzjatko auf dem Violoncello begleitet. Die Leitung dieser Projektgruppe hatte Krystyna Nazarkevich (Universität Lwiw).
Der Theaterabend war lang, doch alle Zuschauer hielten bis zum Ende der Publikumsbeschimpfung durch. Mehr noch: Einige Gäste, die kein Deutsch konnten, kamen sogar erst zum zweiten Teil, um dieses ungewöhnliche Stück zu erleben. Die Anwesenden erhielten ein Bändchen mit dem vollständigen ukrainischen Text des Stückes, den die Drozdowski Gesellschaft in Klagenfurt hatte drucken lassen. Dieses Projekt war eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Bukowina Zentrum mit der Österreich Kooperation, ermöglicht durch zusätzliche finanzielle Unterstützung der Robert Bosch Stiftung und der Georg-Drozdowski-Gesellschaft in Klagenfurt.